Hummels Romandebüt aus dem Jahr 2005 widmet sich einer Thematik, die nur selten die Pforten der deutschen Gegenwartsliteratur passiert: Eine russlanddeutsche Familie und ihre Rückkehr nach „Deitschland“. 

Alina Schmidt ist zwölf Jahre alt und lebt in Kasachstan. Doch nicht mehr lange. Denn ihr Vater, ein Schneider, träumt von einem Leben in dem schönen fernen Land namens „Deitschland“ und ist empört, dass seine Kinder nicht einmal bis zehn auf deitsch, der Sprache ihrer Vorfahren, zählen können. Und die Mutter, ebenfalls eine Russlanddeutsche, arbeitet in einer Fabrik, sitzt nun schon seit zwei Jahren auf halb gepackten Koffern und wartet auf die Ausreisegenehmigung. Als die Geheimpolizei dem Vater jedoch deutlich zu verstehen gibt, dass er in Kasachstan keine Anträge mehr zu stellen habe, beschließen die Eltern, eine „Ausreise vor der Ausreise“ anzutreten und irgendwohin zu gehen, wo der Name Schmidt noch unbekannt ist, wo die Behörden nicht voreingenommen sind: in eine Stadt im Nordkaukasus. Zwei Jahre später steigt die Familie in den Zug nach Ost-Berlin. So endet die Geschichte.

Kramen in der Vergangenheit

Während sich die Eltern schon auf ihre Zukunft in Deutschland vorbereiten, schauen Alina und ihr Großvater zurück. Das Generationengespräch entwickelt sich zwar nur schleppend, aber es glückt: Langsam beginnt der Großvater, seiner neugierigen Enkelin von den Schrecken der damaligen Zeit zu erzählen: „Die Angst um die eigene Haut grenzte an Wahnsinn. Sie machte jedes Gesicht austauschbar und häßlich. Es gab keine jungen Gesichter mehr im Dorf, wir trugen alle denselben Ausdruck.“ Er erzählt über die „Große Säuberungen“ unter Stalin, die ihren Höhepunkt im Jahr 1937 erreichten, erzählt von Menschen, die einander anschwärzten: „Tags kamen sie in die Häuser, legten ein Blatt Papier vor den Hausherrn und sagten: Gib uns die Namen von zehn Volksfeinden, und wenn es nur neun sind, dann bist der zehnte du.“

Seiner Familie wurde ein Brief zum Verhängnis, verfasst von seinem Bruder, der nach Kanada ausgewandert ist und sich zum Fabrikbesitzer hochgearbeitet hat. Ein Kapitalist in der Familie war damals eine Bedrohung. Irgendwann holten sie seinen Vater, seinen anderen Bruder und schließlich auch ihn selbst. Nach wochenlanger Untersuchungshaft mit endlosen Verhören entließ man ihn, man munkelte der Hitler-Stalin-Pakt sei der Grund: „Man habe keine Staatsaffäre aus der Verhaftung deutscher Bauerntölpel machen wollen, es könne ja bis nach Deutschland durchsickern, und schließlich gebe es genug andere zu holen.“

Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, wurden die Russlanddeutschen in sowjetische Arbeitsarmeen deportiert. Alinas Großvater konnte in sein Heimatdorf fliehen und wurde von Hiltlers Soldaten, die bis dorthin vorgerückt sind, als Bürgermeister eingesetzt. Als aber die Rote Armee das Gebiet zurückeroberte, floh er mit der Wehrmacht nach Deutschland und versteckte sich bei einem Bauern in Berlin. Doch kurz nach Kriegsende wurde er von den Sowjettruppen gefasst und als Vaterlandsverräter zur Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt. 1957 kam er in sein Dorf zurück und blieb bei der Frau seines Bruders, Alinas Großmutter.

Probleme des russlanddeutschen Seins

Das Besondere an diesem Roman ist, dass die Autorin Eleonora Hummel (geb. 1970) ihren Blick nicht in der Vermittlung der russlanddeutschen Vergangenheit verliert, sondern auf die familiären Konflikte, die mit der immer näher rückenden Ausreise aufkommen, ausweitet: Einprägsam schildert sie etwa den Zwist zwischen Alina und ihrer 18-jährigen Schwester Irma: „Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich kann es nicht mehr hören, dieses Gerede von Heimat und Vaterland!“, entrüstet sich die Ältere. „Von der Sprache, die unsere Kinder nicht mehr lernen werden. Was soll ich mit einer Sprache, die meine Urgroßmutter irgendwann irgendwo gesprochen hat? Ich lebe jetzt und hier, und hier spricht man anders. Ich denke nicht daran, alles aufzugeben, nur weil unser Vater glaubt, anderswo wäre er willkommener. Es interessiert ihn nicht, was seine Kinder denken.“ Alina gibt aber nicht nach: „Ans Paradies glaube ich auch nicht. Aber dort leben, wo andere sind wie ich, das möchte ich gern.“

Alina gleich Eleonora?

Hummels Debütroman zehrt größtenteils von ihrer Biografie: Sie ist russlanddeutscher Herkunft,  ist in Kasachstan geboren, zog als 10-Jährige mit ihren Eltern in den Kaukasus, bevor sie mit zwölf Jahren nach Dresden, damals noch in der DDR, emigrierte. In einem Interview in der Deutschen Allgemeinen Zeitung sprach die Autorin über die Probleme, die die russlanddeutsche Identität für sie persönlich und wohl auch für viele Russlanddeutsche mitbrachte und immer noch mitbringt: „Längerfristige Schwierigkeiten bereitete mir allerdings die geringe Akzeptanz unserer deutschen Herkunft, die in der Sowjetunion nie jemand in Frage gestellt hatte. Anders in der DDR und BRD. Ab dem ersten Tag war ich hier „die Russin“. Die meisten Versuche, dieses Missverständnis zu klären, scheiterten. Auch heute noch kommt es vor, dass ich gefragt werde, ob Hummel mein Geburtsname sei, denn der klinge ja so deutsch, während ich doch aus Kasachstan stamme!“

Auf eine weitere Frage nach der Idee und dem Konzept ihres Romandebüts antwortete sie: „Dass die Hauptfigur teilweise autobiographische Züge trägt, will ich jedoch nicht abstreiten. Ich teile mit ihr einige Daten im Lebenslauf, vom Wesen her ist die Figur aber als mein Gegenpol angelegt: Sie ist jemand, dem ich gern ähnlich gewesen wäre. Ich habe sie mit Eigenschaften ausgestattet, die ich selbst in diesem Alter so gern gehabt hätte – aber leider nicht hatte.“

Umwälzung der russlanddeutschen Literatur

In Hummels Erstlingswerk sowie dem Fortsetzungsroman Die Venus im Fenster (2009) lassen sich im Vergleich zu ihrem aktuellen Roman In guten Händen in einem schönen Land (2013) starke Motive der russlanddeutschen Literatur ausmachen – einer Literatur von den Nachkommen deutscher Siedler in Russland, die ab 1763 in der Wolgaregion, in Bessarabien, am schwarzen Meer, auf der Krim und in Sibirien angesiedelt waren.

Ohne sich mit ihrem Werk zu den Traditionen der russlanddeutschen Prosa zu bekennen, streift Hummel all die abstrakten Brocken wie die Hoffnung, die Heimatsuche, das Leben in den Kolonien, Verhaftungen sowie die Härte der Arbeitslager, und doch distanziert sie sich von dieser Geschichte, weil sie keine sachliche Wiedergabe des kollektiven Schicksals will, das so viele Russlanddeutsche teilten; ihre Alina pocht auf die individuelle Geschichte ihres Großvaters: „Ich mußte mir eingestehen, daß ich nicht ganz verstand, wovon Großvater sprach. Mich interessierten die Fische in Sibirien, seine abgefrorenen Zehen in dem Ort namens Igarka und warum er das klapprige Taschenmesser nicht längst gegen ein neues ausgetauscht hatte … Zeit und Hoffnung – das waren Dinge, die ich nicht in Bilder fassen konnte.“

So gelingt es Hummel, in einem Roman gleich zwei deutsche Lieblingsthemen zu vereinen: Zweiter Weltkrieg und Migrationsprobleme. Da die russlanddeutsche Literatur unermüdlich aus diesen beiden Stoffen schöpft, müssten die Bestseller-Listen eigentlich von ihr wimmeln. Fehlanzeige. Mit Hummel und ihrem viel gelobten Roman findet die Geschichte der Russlanddeutschen recht spät ein Sprachrohr, das sich in nie zuvor erreichten literarischen Höhen bewegt. Ausgerüstet mit einem ganz klaren, unpathetischen Stil und interessanten Erzählzügen widmet sich Hummel erstmals einer bagatellisierten Thematik.

Gegen das Schweigen als Heilmittel

Vielleicht ist dieser Roman ein  individueller Versuch der Autorin, Kritik gegen das Schweigen zu üben. Für tausende Russlanddeutsche, die in seit Ende der 1980er in die Bundesrepublik Deutschland emigrierten, kam es vor allem auf eine schnelle Assimilation an. Nur die ältere Generation berichtete hin und wieder über das Erlebte, das die jüngere immer seltener hören wollte. So schreibt Hummel in Die Fische von Berlin auch gegen das an, was viele ihrer Romanfiguren bereitwillig wollen: schnell vergessen. Ganz subtil fordert sie also auf, nicht nach der Devise von Alinas Großmutter zu leben: „Was vergangen ist, soll man nicht wieder aufrühren.“

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Eleonora Hummel: Die Fische von Berlin | Steidl Verlag | Göttingen 2005 | 223 Seiten | EUR 18.00